Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Warte, warte noch ein Weilchen …

Der Kabarettist Uwe Lyko, der auf der Bühne sein Alter Ego „Herbert Knebel“ verkörpert, bringt es auf den Punkt. Immer beginnt es harmlos an der Wursttheke. Mit Jagdwurst. „Ist die heute im Angebot? Dann bitte vier Scheiben. Oder besser fünf. Dann drei Scheiben Schinkenspeck, drei Scheiben Bierwurst, zwei Scheiben Schweinebraten, aber nicht zu dick geschnitten. Fünf Scheiben Micky-Maus-Mortadella für die Enkel.“ Jetzt entdeckt Oma die Zervelatwurst. „Oh, die sieht aber fein aus, davon noch drei Scheiben.“ Der Schwanz der Wurstschlange kriegt schon so ’nen Hals. Als Oma noch ein Stückchen „Fleischwurst ohne“ bestellt, reißt dem Knebel der Geduldsfaden. Das Publikum lacht Tränen.

Aber wer am nächsten Tag selbst an der Wursttheke hinter der Oma in der Schlange steht, kocht innerlich wie der Komiker auf der Bühne. So haben ganz viele die Vorweihnachtszeit erlebt. Schlangen über Schlangen an den Kassen, untermalt mit „White Christmas“ und „Feliz Navidad“. Das geht schon gewaltig auf die Nerven.

Aber warten wir nicht unser ganzes Leben auf irgendetwas? Doch kein Mensch will gern warten. Dabei gilt: Wer warten kann, ist diszipliniert und höflich. Doch Warten passt nicht mehr in unsere Gesellschaft, die von Leistung geprägt ist.
Einer Studie der GfK zufolge sind Wartezeiten für mehr als die Hälfte der Deutschen das größte Ärgernis in ihrem Alltag. Warten ist ein ungeliebter Zustand, weil er meist unfreiwillig ist und wir uns dieser Situation ausgeliefert fühlen. Und genau das passt nicht zu unserem modernen Gesellschaftsbild. Wir wollen frei und selbstbestimmt sein. Bloß keine Zeit verlieren und schon gar nicht in einer unsäglichen Warteschleife. Zeit ist ökonomisierte Ware.

Wir wollen nichts verpassen und die Ware Zeit effizient nutzen. Vorgesetzte erwarten ein ausgefeiltes Zeitmanagement, lassen aber einen Mitarbeiter gern beliebig lange warten. Wer Macht hat, kann andere warten lassen. Privatpatienten sind schneller beim Arzt, und das Einchecken im Flieger geht in der ersten Klasse auch flotter. Wer Schlange steht, steht auch im Leben hinten an. In der DDR hatte man den Ersatzschlangensteher erfunden, der, wenn man selbst nicht konnte, sich anstellte. Gegen Gebühr freilich. Solche Überlegungen gibt es heute wieder.

Diese Methoden wird der heutige Schlangensteher aber nicht dulden. Das ist ja schlimmer als Vordrängeln. In einer Schlange zu stehen, erzeugt Gleichheit, und da reagieren wir sauer auf die Aushebelung dieses Rechts. Wer zuerst kommt, zahlt zuerst, nur so und nicht anders geht das. Unvorstellbar, wie die armen Menschen früher in der Schlange standen.
Heute sieht das aber anders aus. Zum gehassten Zustand hat sich das Beliebteste gesellt: unser Smartphone. Da lässt sich Zeit optimal nutzen: telefonieren, chatten, Musik hören, Newsticker lesen. Ja, das macht das Warten etwas leichter, aber die Zeit ist weg für immer, denn mit jeder Sekunde beginnt die Zukunft und endet die Vergangenheit.

Vielleicht einer der Gründe, warum das Onlinegeschäft so boomt. Time is money. Und wenn wir autonom Auto fahren, Roboter für uns einkaufen sowie den Haushalt organisieren und wir alles online abwickeln, wird das Schlangestehen vielleicht der Vergangenheit angehören. Aber warten werden wir trotzdem. Auf den BER, auf Stuttgart 21, auf eine Regierungsbildung, auf Arzttermine oder ein Gespräch beim Chef. Was weiß ich. Und da macht sich wieder das Gefühl breit: Wer Macht hat, hat auch Zeit.

Also, alles Gute aus der Warteschlange
Euer Viktor